Skulpturenprojekt 2006     Organisation     Kontakt     Home
’Große Pfütze’, 2006
 POISON IDEA
























<<   |   >>   
POISON IDEA  218  

2003'poison idea party', HbK Braunschweig Party bei der sich der Raum stetig verkleinert
a party where the room is continuous getting smaller because of a slowly moving wall.
2004'Dicke Brummer' / 'real whopper', Elektrohaus Hamburg
11000 Stubenfliegen werden auf ahnungslose Partygäste losgelassen
11000 flies are pushed out by ventilators on the unsuspecting party people
2004'WAS' / 'what', Kunstverein Hannover 10 über eine Zeitungsannounce gebuchte Rocker zerstören den Vernissage-Partyraum
ten payed rocker are destroying the vernissage
2005'Hut ab' / 'kudos!', Galerie Olaf Stüber, Berlin der Schweiß der Vernissagebesucher mündet in einem Zimmerspringbrunnen
the sweat of the vernissage audience is feeding a room fontain
2005'plätscher plätscher', Simultanhalle, Köln die statische Aufladung der Eröffnungsbesucher führt zum Kurzschluss
the static electricity charge of the opening guests is leading to a short-circuit
2005'Heimspiel' / 'home match', Art Cologne, Köln Moped-Stunt während der Vernissage auf der Art Cologne
a motorbikestunt at the cologne artfair
2006'Ohrenschmaus' / 'earmeal', Villa Merkel, Esslingen eine suggerierte Performance findet nicht statt
a suggested performance is not taking place
"querbeet", Neuer Kunstverein, Aachen; "auf den letzten Drücker", Kunstverein, Bonn.


4 Kapitel zu POISON IDEA von Joseph Beuys
von Uwe Lewitzky

1

Zimmerspringbrunnen
Gabelstabler
10 Rocker
11.000 Stubenfliegen
Schweiss
Kurzschluss
Moped
Publikum

(unvollständige Liste der Arbeitsmaterialien von Poison Idea)


2

Zwei Dinge gingen mir durch den Kopf nachdem ich die Ausstellung von Tino Sehgal in dessen Berliner Galerie verlassen hatte (eigentlich waren es drei aber Yoko Ono tut an dieser Stelle erstmal nichts zur Sache): Hakim Bey und Poison Idea. Und ich war mir sicher, dass beide (bzw. alle drei denn Poison Idea setzt sich aus den Künstlern Baldur Burwitz und Christioph Zwiener zusammen) mit dem eben erlebten auf keinen Fall einverstanden gewesen wären und entsetzt die Hände über dem Kopf (wenn nicht mehr) zusammengeschlagen hätten.
"Kidnappe jemanden und mache ihn glücklich!" fordert Bey in seinem Buch "T.A.Z." (Temporäre Autonome Zone), einem Konglomerat aus surrealistischen Forderungen, Kunstkonzepten und anarchistisch-chaotischem Gedankengut, und wie sehr Sehgal an dieser Aufgabe gescheitert ist merke ich nur allzu deutlich daran, dass ich mir zum ersten mal seit drei Jahren wieder eine Zigarette anstecke und das Buch Beys hervorkrame um mich daran zu erinnern, was Kunst auch sein müsste.
Für Bey definiert sich eine temporäre autonome Zone als einen Ort bzw. eine Situation, in der herrschende Gesetze und Ordnungen zeitweise ausser Kraft gesetzt werden und Platz schaffen für neue, unvorhersehbare Begegnungen und Erfahrungen. Es fällt diesbezüglich nicht schwer, diese Forderungen in Bezug zu setzen mit den künstlerischen Arbeitsweisen der 70er Jahre, als Bewegungen wie Fluxus oder Happening dafür sorgten, den Kunstbetrieb und vor allem auch das Publikum mit Hilfe sonderbarer bzw. skandalöser Aktionen oder begriffssprengenden musikalischen Kompositionen zu verwirren, aufzurütteln und zu unterhalten.
Rückblickend würde Bey die Zeit der Aktionskunst wohl als eine Form von "poetischen Terrorismus" oder "Kunst-Sabotage" beschreiben und auch die Arbeiten von Poison Idea legen eine solche Beschreibung nahe.
Doch während es den Künstlern damals noch darum ging den Gegensatz von Kunst und Leben zu überwinden (und auch Bey stellt in Bezug auf seine T.A.Z. hohe Ansprüche: Wenn es nicht das Leben von zumindest einem Menschen verändert, ist es gescheitert.), sind wir uns ja wohl alle einig, dass sich die zeitgenössische Kunst (auch wenn Tino Sehgal das bestimmt nicht gerne hört) von solchen quasireligiösen Erweckungs- und Aufklärungshöhen verabschiedet hat. Heutzutage ist man ja schon froh, wenn sich Künstler bzw. deren Arbeiten den gängigen Distinktions- und Aneignungspraktiken seitens des Kunstbetriebes und des allgegenwärtigen Marktes widersetzt und stattdessen eine kompromisslose Position beziehen, die dem Betrachter mehr abverlangt, als einem interesselosen Wohlgefallen, dem Zücken des Scheckheftes und der Platzierung von zwei Nägeln in der Wand seines Hauses.

Und während bei Sehgals Arbeiten dessen akademischer Hintergrund (Studium von Tanz und Ökonomie) in Form von berechnenden Arbeiten und herumspringenden Aufsehern durchdringt, so sind es bei Poison Idea die Kunstlektionen, die sie, so könnte man mit ein wenig Phantasie behaupten, damals bei Hakim Bey an der Vince Lombardi High School gelernt haben.
"Talk - Action = Zero" sagten schon D.O.A., und so sehr ich auch jederzeit für eine kunsttheoretische Diskussion über die fehlende Qualität der präsentierten Arbeiten auf Eröffnungen zu haben bin, so sehr schätze ich es auch, wenn es dort mal zur Sache geht. Wie angenehm ist es dann, von Poison Ideas Performances und Installationen entführt und überrumpelt zu werden, sei es durch abgezapften Schweiss, provozierte Stromausfälle oder eine Gruppe feister Motorradrocker (ehemalige Mitschüler von Burwitz und Zwiener?).
So wie das Opfer integraler Bestandteil eines Kidnappings ist, ist das Publikum integraler Bestandteil des Krachen-Lassens bei Poison Idea. Da wäre zum einen der informierte Teil des Publikums, der mit einer gewissen Erwartungshaltung zu den Performances kommt, aber noch bessere Opfer sind jene Menschen, die Kunstausstellungen als Event zur distinguierten Selbstinszenierung inmitten ästhetischer Flachware missbrauchen. Poison Idea schaffen es mit immer neuen Mitteln, die Erwartungshaltung der hungrigen Erlebnisgesellschaft zu unterlaufen, auch wenn es nicht so ist, dass gar nichts passiert oder bestenfalls mal eine Wand oder eine Sitzbank langsam durch den Raum wackelt. Im Rahmen einer Aktion von Poison Idea wird der Betrachter ob er will oder nicht vielmehr partizpativ in das Geschehen eingebunden, er wird zum Teil des Kunstwerkes, dem somit wieder der Platz eingeräumt wird, der ihm eigentlich gebühren sollte. Und wenn es dann schliesslich knallt wird und man im dunkeln oder inmitten von 11.000 Stubenfliegen da steht, wird dies auch dem letzten Proseccotrinker klar.

"Das, was der Künstler vermißt, treibt ihn dazu, es in der Kunst darzustellen." schreibt Ernst Bloch, der grosse Denker der Utopie. Und nachdem Burwitz und Zwiener trotz all ihrer handwerklichen Fähigkeiten, die sie zum Bau komplexer Installationen befähigen, scheinbar nicht in der Lage sind, eine Zeitmaschine zu bauen, um in eine Zeit zurückzukehren, in der die Kunst etwas weniger flachwarig-berechnender sondern mutiger, chaotischer und auch lustiger war als das heute leider immer öfter der Fall ist, versuchen sie halt im Rahmen ihrer Installationen und Performances uns als Rezipient und Opfer für einen kurzen Moment in diese goldene Zeit zu entführen.


3

Bei ihrer ersten Aktion sorgten Poison Idea dafür, dass sich der Veranstaltungsraum permanent verkleinert, doch ich denke, dass es gerade in Anbetracht der derzeitigen Lage der Kunst notwendig erscheint, dass sich ihre Räume in Zukunft gefälligst vergrößern.


4

Five bands to paint on your jacket if you're a poser
1. Dead Kennedys
2. Black Flag
3. Slayer
4. The Casualties
5. Discharge

Five legit bands to paint on your jacket:
1. Poison Idea
2. MDC
3. Filth
4. Tragedy
5. Assück
(Matt Johnson in Thrasher Magazine, Nr.282, July 2004)


  Copyright © siehe Impressum · Stand August 2006  |  Sitemap